Helmut Bremm, Regionalkantor und Organist in Zell Ansprechpartner für Kirchenmusik und OrgelführungenTelefon: 06542/41426Email: helmutbremm-zell@t-online.de |
Die Stummorgel in der Zeller Pfarrkirche
Seit fast 220 Jahren begleitet eine Orgel in der heutigen Pfarrkirche St. Peter in Zell die Menschen auf ihren verschiedenen Lebensstationen. In den Jahren 1788-93 erhielt die Kirche mit der Innenausstattung auch die heute im Gehäuse und mit wenig originalen Registern noch vorhandene Orgel. Das genaue Datum ist durch einen Brief von Friedrich Carl Stumm nach Bacharach belegt, in dem er am 14.2.1790 berichtet: Dan ich habe nach Weihnachten ein neu Werk auf Zell an die Mosel verfertigt von 26 Registern wo 2200 fl vor bekommen habe (Evangel. Pfarramt Bacharach). Das Baujahr 1789 wird auch in einem anderen Bericht bestätigt: Das Orgelgehäuse ist doppelt, ein großes, davor ein kleines im Renaissance Styl im Jahre 1789 von
dem Orgelbauer Meister Friedrich Carl Stumm aus Sulzbach auf dem Hunsrücken erbaut (Bistumsarchiv Trier, 122/12). Einheitlich weiß-gold gefaßte frühklassizistische Ausstattung 1787-93: Hochaltarziborium, vier Säulen mit Volutenbekrönung von Matthias Hopp und Schreinermeister Coener aus Zell, nach dem Modell des verschwundenen Altaraufsatzes für Liebfrauen zu Trier, von Coener auch die Bänke mit geschnitzten Wangen; Orgelgehäuse von Schreinermeister Zimmer aus Eller (Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, 1972, 1034).
Nach einer Reparatur im Jahre 1835 durch die Stumm`s (wahrscheinlich Franz Heinrich oder Carl) wurde ein erneuter Instandsetzungsantrag am 8.2.1855 an das Ordinariat in Trier gestellt. Die Reparaturarbeiten wurden durch Peter Bröcher, Fabrikation von Instrumenten und Orgelbau, durchgeführt. In seinem Schreiben vom 3.2.1897 muß Bröcher seine Repara- turarbeiten verteidigen und um sein Honorar betteln. Die Arbeiten wurden durch das General- vikariat abgenommen, obwohl Fehler an der Traktur zum Rückpositiv bemängelt wurden. Ein weiterer Kostenvoranschlag über eine Reinigung und Durchsicht wurde 1911 durch die Firma Heinrich Voigt erstellt. Die Arbeiten kamen nicht mehr zur Ausführung, weil sich inzwischen ein neuer Organist mit dem Gedanken einer totalen Veränderung der Orgel durch die Firma Klais in Bonn herumplagte. Kostenangebote wurden 1912 erstellt. Klais offerierte den Zellern eine Orgel nach neuesten Erkenntnisse im Orgelbau (nicht mehr als Schleifladen). Die cäcilianische Bewegung schlägt voll durch, wenn man bei Klais nachliest, daß der Kirchenchor dabei die beste Stellposition erhalten sollt. Die Firma Klais wollte die alte Gehäusefront nur noch als Attrappe für eine romanische Orgel verwenden. Das Rückpositiv sollte dabei nicht mehr mit Pfeifen „besetzt“ werden. Bei einer Auftragserteilung wäre es „das Aus“ für die historische Stummorgel gewesen, darauf mußte man noch einige Jahre warten. In der alten Gestalt wurde die Orgel noch bis ca. 1939, trotz vieler Gebrechlichkeiten noch weiter im Gottesdienst gespielt.
Der Kirchengemeinde in Zell lag ein interessantes Gutachten vom damaligen Domkapell- meister J. Klasen vor. Es wurde im Auftrage des Generalvikariats in Trier am 30.10.1939 erstellt. In dieser Zeit befand sich die Orgel noch im originalen Zustand – ausgenommen die Veränderungen in den Jahren 1895-97. Den Zustand beschreibt er als sehr schlecht. „Eine Reihe von Registern fallen ganz aus, andere sind teilweise unbrauchbar. Bei einer künftigen Renovierung sollte man die alte Fassade der Orgel erhalten und damit auch ihr Klang, wie ihn die Disposition andeutet“. Klasen setzte sich mit großem Nachdruck für die Firma Seebald & Brandt in Trier ein, die von vielen Organisten hochgepriesen würde
Am 29.11.1939 wurde mehr oder weniger der Beschluß darüber gefaßt, die historische Orgel in Zell durch einen Neubau zu ersetzen. Seitens der weltlichen Behörde wird die Genehmigung zum totalen Umbau erteilt. Zwischenzeitlich entscheidet sich die Pfarrge- meinde in Zell am 4.12.1939 eine angebotene neue Orgel aus Klausen nicht zu übernehmen. Im Generalvikariat in Trier werden die Akten über den Orgelneubau in St. Peter in Zell mit zwei verschiedenen Brillen gelesen. Während sich Domkapellmeister Klassen für eine ver- hängnisvollen Neubau einsetzt, schreibt Herr Kranz von der Bistumsbehörde an die Gemeinde am 4.12.1939: „Die Orgel in Zell muß in ihrer Eigenart als wertvolles Kunstwerk aus der Barockzeit erhalten bleiben, und zwar in ihrem äußeren Aufbau als auch in ihrer Klangfarbe. Die Orgel, die sehr reparaturbedürftig ist, soll mit Verwendung der vorhandenen Disposition und altem Material von Grund aus erneuert werden“.
Der Sebald`sche Neubau wird vom Zeller Kirchenvorstand am 10.12.1939 beschlossen. Die Auftragserbestätigung durch die Firma Sebald erfolge am 15.12.1939; bereits am 9.6.1940 wird die Orgelweihe gefeiert. Das nach dem Kegelladensystem erbaute Werk erhielt eine elektrische Steuerung, die Position des Rückpositivs wurde empfindlich verändert. Vom historischen Pfeifenwerk blieb fast nichts mehr erhalten. Die Prospekte wurden zu reinen Fassaden degradiert. Durch den Eingriff von 1939-40 wurde die historische Substanz der Stumm-Orgel in Zell völlig vernichtet.
Das anfällige Orgelwerk kam die Pfarrei teuer zu stehen. In den Unterlagen (ab 1965 noch vorhanden) wird über viele Mängel und Reparaturen berichtet. Zunächst wurde die Firma Oberlinger in Windesheim eingeschaltet, ab 1973 Orgelbaufirma Sebald in Trier, eine größere Instandsetzung erfolgte drei Wochen lang im Jahre 1976, die vom Generalvikariat in Trier mit Kostenüberschreitungen mit Datum vom 17.5.1977 genehmigt wurde. Zu Beginn der neuen Amtszeit von Pfarrer Ernst Josef Meffert bat er bereits im Juli 1990 den Orgelbausach- verständigen Rudolf Oehms in Trier um eine Beurteilung der Zeller Orgel, damit die weiteren Beratungen in Gang gebracht werden könnten. Am 26.10. 1990 beauftragte die Pfarrgemeinde den Orgelsachverständigen und Münsterkantor Viktor Scholz aus Mönchengladbach um sein Gutachten. Sein Urteil vom 26.12.1990 war vernichtend. Der „ derzeitige Zustand der Orgel “, schreibt Scholz, „ befindet sich in einem besorgniserregenden Zustand. Sie wurde aus minder- wertigem Materialien (Zink, Weichholz u.s.w.) erstellt und ist daher wertlos. Selbst durch übergreifende Reparaturen am elektrischen Registerwerk der Orgel, an den Kegelladen, Relais und Membranen, am Gesamtkonzept der Orgel, könnten an diesem Zustand nichts verändern. Der künstlerische Wert ihrer Orgel kann erst wiederhergestellt werden, wenn man das Instrument konsequent auf den Zustand von 1789 zurückführt“, soweit Scholz.
In einem Zuschußantrag für die Orgel an die Stadtverwaltung in Zell schreibt Pfarrer Meffert „Die Orgelbaifirma Weimbs in Hellenthal/Eifel, die ich durch den ehemaligen Lehrer am Gregoriushaus in Aachen, Herrn Pfarrer Josef Witt (wohnhaft Zell-Barl) kennen lernte, hat sich Herr Orgelbaumeister Friedbert Weimbs am 16.9.1992 gründlich die Mühe gemacht, das bestehende Werk daraufhin zu untersuchen, wie wohl die ehemalige Stummorgel ausgesehen und wie sie beschaffen war. Er konnte durch Freilegung unter der bisherigen Farbe, die Dispositionen der alten Stummorgel feststellen und hat sie in einem Gutachten dargelegt, das uns vorliegt. Danach ist eine Widerherstellung der ehemaligen Stummorgel mit neuem Material möglich“. Der Verwaltungsrat der Pfarrgemeinde St. Peter in Zell beschloß am 20.8.1993 diesen Neubau der Orgel, die Genehmigung durch das Konservatoramt des Trierer Generalvikariats erfolgte mit Schreiben vom 18.1.1994. Am 20. November 2005 erfolgte die Einweihung der neuen Orgel.
