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Das 2. Vatikanische Konzil

"Das 2. Vatikanische Konzil - Die Zeit großer Hoffnungen"
(geschrieben von Manfred Reichgeld)

Am 11. Oktober 2012 jährte sich zum 50. Mal die feierliche Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII. Die Versammlung der fast 2500 Bischöfe aus aller Welt dauerte bis zum 8. Dezember 1965. Es war das 21. Konzil in der fast 2000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche.

In einer Artikel-Serie erinnern wir an dieses Jahrtausendereignis. „Eine andere Kirche ist möglich.“ Das war die große Hoffnung der damaligen Zeit. Wir gehen u.a. der Frage nach, was aus dieser Hoffnung und der Leitperspektive der katholischen Kirche als „Kirche der Armen“ (Johannes XXIII.) geworden ist.


1. Vor dem Konzil
Als im Oktober 1958 nach einer Amtszeit von fast zwei Jahrzehnten Papst Pius XII. starb, ging eine Ära zu Ende. Die katholische Kirche war streng hierarchisch strukturiert, eine in sich und nach außen geschlossene klerikale Gesellschaft, die den Zweifel und unterschiedliche Auffassungen nicht zu kennen schien.

Die lateinische Sprache, in der die heilige Messe (nach dem sog. tridentinischen Ritus) mit dem Rücken zum Volk zelebriert wurde, blieb den Menschen fremd und unverständlich. Es gab keine Möglichkeit, den Gottesdienst aktiv mitzufeiern und sich einzubringen.

Kulturell war die katholische Kirche europäisch geprägt, fast alle Bischöfe und Priester, auch in den sog. Missionsgebieten, waren Europäer. Gleichwohl gab es vor dem Konzil – etwa in Deutschland und Frankreich - in der Liturgie und der theologischen Wissenschaft einige Aufbrüche und neue Ansätze, die, zuerst kaum wahrgenommen, sich nun entwickeln konnten.


2. Johannes XXIII. kündigt das Konzil an
Als Papst Johannes XXIII. das 2. Vatikanische Konzil ankündigte, war dies eine große Überraschung. Nur wenige Vertraute hatte er zu Rate gezogen, seine wohl seit langem gereifte Idee zu verwirklichen. So etwas wie einen „Ruf nach einem Konzil“ gab es damals nicht, aber lauter werdende Forderungen nach grundlegenden Veränderungen und Reformen in einer bewegten Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche.

Aus seiner Zeit als Diplomat der Kurie in Bulgarien, der Türkei und Frankreich kannte Johannes XXIII. die drängenden Fragen und Probleme der Kirche außerhalb der katholischen Welt Italiens. Ihm war deutlich geworden, dass die Kirche eine Sprache sprechen muss, die die Menschen heute verstehen, anders als die erstarrten und zeitbedingten Formen des 19. Jahrhunderts.

Johannes XXIII. war davon überzeugt: Die katholische Kirche muss sich verändern und den Dialog suchen, die Welt wahrnehmen und auf ihre Fragen antworten. Auf die Frage, was das Konzil bewirken solle, antwortete er: „Wir wollen die Fenster öffnen, damit frischer Wind in die Kirche kommt. Ein frischer Wind der Erneuerung der Kirche nach innen und des Zugehens der Kirche auf die Welt, in der sie lebt.“


3. Erwartungen und Hoffnungen
Als 1959 das Konzil gegen nicht wenige Widerstände der römischen Kurie angekündigt wurde, waren die Erwartungen und Hoffnungen groß, dass es nun bezüglich der Liturgie und neuer theologischer Erkenntnisse zu weitreichenden Reformen kommen würde. Aus vielen Teilen der Weltkirche gab es Anfragen und Wünsche, die vor allem eine grundlegende Erneuerung der Kirche nach innen betrafen.

Mit der Ankündigung des Konzils entstand zunehmend eine Begeisterung und Dynamik, die Zeitzeugen als „eine ungeheuer spannende Zeit mit vielen Umbrüchen, neuen Ideen und Erfahrungen“ beschreiben. Anders als die Konzilien zuvor, die sich mit Fragen der richtigen Lehre, mit Verurteilungen von Irrtümern und Fragen der Disziplin und des Kirchenrechts beschäftigten, sollte das 2. Vatikanum eine pastorale Ausrichtung haben. Johannes XXIII. wollte ein Konzil der Erneuerung der Kirche in einem möglichst offenen dialogischen Prozess.


4. Aufbruchstimmung
Die Diskussionen und Debatten des Konzils fanden öffentlich statt. In unterschiedlichen Gruppierungen trafen sich die Bischöfe und Kardinäle mit Priestern, Ordensleuten und Studenten auch außerhalb der offiziellen Beratungen und Sitzungsperioden, um sich auszutauschen und Meinungen zu bilden. Die Teilnehmer erlebten damals zum ersten Mal die Weltkirche in ihren vielfältigen Ausprägungen: andere Kulturen und Religionen, Erfahrungen mit unterschiedlichen Riten und religiösen Formen...

In zahlreichen Vorträgen der Konzilstheologen überall in Rom wurden die großen Veränderungen, die das Konzil bewirkte, angesprochen. Bisherige Lehrmeinungen befanden sich jetzt im Gegensatz zu den neuen Orientierungen: Jeder ist berufen. Im Mittelpunkt steht „das Volk Gottes“, alle Getauften, und von daher leiten sich erst Aufgaben und Ämter ab und nicht umgekehrt. Es gibt nicht mehr nur einen wahren Zugang zum Verständnis der Bibel, sondern die Erkenntnis, dass sich die Wahrheit auf verschiedenen Wegen erschließen kann.


5. Der Katakombenpakt
Mit Blick auf die wachsenden sozialen Verwerfungen weltweit prägte Papst Johannes XXIII. den Begriff und die Leitperspektive der katholischen Kirche als „Kirche der Armen“. Wenige Wochen vor dem Ende des Konzils – am 16. November 1965 – trafen sich 40 Konzilsväter in den Domitilla-Katakomben. Im Sinne einer Selbstverpflichtung verabschiedeten sie dort den sogenannten Katakombenpakt. Die biblische Option für die Armen in ihren Bistümern umzusetzen. Später schlossen sich 500 weitere Bischöfe aus der ganzen Welt diesem Pakt an, von dem heute als dem „vergessenen Erbe des II. Vatikanums“ gesprochen wird.

Einige Punkte der Vereinbarung:
- Wir wollen bezüglich Wohnung, Essen, Verkehrsmitteln so leben wie die Menschen um uns herum.
- Wir wollen weder Immobilien noch Mobiliar besitzen.Wir lehnen es ab, mit Titeln angesprochen zu werden.
- Wir werden jeden Eindruck vermeiden, Reiche und Mächtige zu bevorzugen.
- Wir wollen uns vor allem den Benachteiligten und Unterentwickelten zuwenden.
- Unsere sozialen Werke, die wir unterstützen, sollen sich auf Liebe und Gerechtigkeit gründen und Frauen und Männer in gleicher Weise im Blick haben.


6. Tradition und Fortschritt
Dass das Konzil bei vielen auf Tradition setzenden Bischöfen aus der Kurie oder aus Italien und Spanien so viel verändern würde, war kaum zu erwarten. Die Kurie hatte alles detailliert vorbereitet, sodass die Konzilsväter nur noch abstimmen sollten – und in wenigen Wochen könne das Konzil schon beendet sein. Aber es kam anders.

Bei den Wahlen für die Zusammensetzung der Kommissionen in der ersten Sitzung des Konzils bestanden die deutschen und französischen Bischöfe darauf, sich erst einmal kennen zu lernen und miteinander zu beraten – und nicht einfach den Vorgaben und Festlegungen der Kurie zu folgen. Mehr und mehr entstand eine eigene Dynamik der Veränderung und Entwicklung. Manche der verabschiedeten Erklärungen haben das Konzil über Jahre beschäftigt, wurden immer wieder verändert und auf den letzten Stand gebracht. Auf dem Petersplatz warben die Bischöfe mit gedruckten Blättern ganz offen für ihre Positionen und einzelne Formulierungen. Es ging dabei auch um die Frage, wie bestimmte Beschlüsse zu verhindern und andere durchzusetzen seien.


7. Sichtbare Veränderungen
Die sichtbarste Veränderung, die das Konzil auf Dauer nach außen bewirkt hat, war die Erneuerung der Liturgie: die Einführung der Muttersprache, die Verbindung von Verkündigung und sakramentaler Feier und die aktive Teilnahme der Menschen am Gottesdienst. Nachvollziehbar war jetzt, was in der Eucharistie geschieht: Wir antworten Gott, was er uns im Sakrament zuspricht. Die befreiende und heilende Botschaft Jesu wird in der neuen Form „sichtbarer“ und verständlicher.

Was der Liturgiereform vorausging, ist ein neues/anderes Verständnis von Kirche. Nicht mehr hierarchisch von oben nach unten, sondern das, was dem Volk Gottes gemeinsam ist, die Taufe, verbindet uns mit Christus und macht uns zu Gliedern der Kirche. Jeder ist berufen.


8. Option für die Armen
Nach dem Konzil und der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Medellin (1968) zogen in Lateinamerika Ordensleute, Frauen und Männer, aus den großen Konventen in den Innenstädten aus. In kleinen Gemeinschaften wollten sie in den Stadtrandsiedlungen der Armen nah bei den Benachteiligten sein und auch so leben. In dieser Bewegung, die als „Option für die Armen“ bekannt wurde, vollzogen sich in religiöser, theologischer, sozialer und politischer Hinsicht weit reichende Veränderungen: „Das Evangelium wird nicht vom Zentrum – Macht, Reichtum, Kultur, Bildung, Wissen – an den Rand getragen. Das Evangelium ist schon immer am Rand, bei den Kleinen und Verachteten von Anfang an.“ Die sog. Basisgemeinden waren eine neue Form Kirche zu sein.

Zur Situation heute schreibt Pater M. K., der als Missionar mehr als 30 Jahre in Lateinamerika gelebt hat: „Leider beobachte ich, dass die Bischöfe (in Lateinamerika) wieder mehr darauf setzen, die Menschen über die Sakramente und Heiligenverehrung an die Kirche zu binden, als auf die „Freiheit der Kinder Gottes“ zu setzen und die ChristInnen zu ermutigen, aus ihrem Glauben an Jesus und seine Botschaft heraus Wege zu finden, das Leben im persönlichen Bereich zu meistern und hinzuarbeiten auf eine gerechtere Gesellschaft, in der alle „Kinder“ des einen Vaters menschenwürdig leben können.“


9. - 50 Jahre danach
Wie die Situation der katholischen Kirche heute, 50 Jahre nach dem Konzil, zu beurteilen ist, hängt von der jeweiligen Sichtweise ab. Die Piusbrüder werden die Frage anders beurteilen als die, die einen neuen Klerikalismus Einzug halten sehen.

Gibt es wirklich eine Wende rückwärts? Sucht die Kirche nach den Gnadengaben der Getauften und deren Charismen und wo sie eingebracht werden könnten? Wie gehen wir mit denen um, die sich engagieren, selber denken und versuchen, das Evangelium tiefer zu begreifen und den Menschen von heute näher zu bringen? Wie können wir Misstrauen und Angst vor Neuem zurückdrängen und Wege finden, unbefangener zu vertrauen? Was ist aus der Leitperspektive „Kirche der Armen“ geworden? ...

Das Zweite Vatikanum ist ein Jahrtausendereignis mit einem neuen Verständnis von Kirche und Religionsfreiheit.
Es kommt darauf an, dass wir die Visionen und das Vermächtnis der Konzilsväter von einer anderen Kirche immer mehr zu verwirklichen suchen, dass der Geist des Konzils wachgehalten wird und der Aufbruch nicht versandet, sondern weitergeht.